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Kunstbetrachtung vom 14. Oktober 2022, 20 Uhr, Gemeindesaal Boniswil mit der chinesischen Kalligraphin Hsing-Chuen Schmuziger-Chen

 

Die Kultivierung von Körper und Geist wird in der schönen Kunst […] ausgiebig gepflegt. Wir finden dies besonders in der chinesischen Kalligraphie wieder, wo die Pinselführung als Ausdruck für den Fluss der Lebensenergie Qi verstanden werden kann. Die Ausübung dieser Kunst bedarf jahrelanger Pflege wie auch absoluter Präsenz und Spontaneität im Moment. Erst dann kann sich das Dao in der Inspiration entfalten. Je leerer der Geist ist, also frei von Erwartungen und Ansprüchen, desto offener kann er mit der ewigen Gegenwart fließen, die im Ausdruck des Pinsels ihren Niederschlag findet. Es gibt keinen einzigen Atemzug auf der Welt, der wie der andere ist. So viele Atemzüge, und doch ist jeder einmalig und einzigartig. Ebenso wird es nie den gleichen Pinselstrich geben. Wird der Moment vom Dao erhascht, ist er auch schon wieder vorbei. Das Substrat von Ewigkeit in der Gegenwart ist nur ein Bild, niemals aber die Ewigkeit selber. (Auszug aus dem Daodejing – Das Buch vom Dao und De, taotime verlag, 2016, S. 162f.)

Über diese, mit der chinesischen Philosophie und Spiritualität eng verbundenen Pinselkunst soll anlässlich der

Kunstbetrachtung vom Freitag, 14. Oktober, 20 Uhr, Gemeindesaal 5706 Boniswil

die Rede sein. Marc Schmuziger, der langjährige Ehepartner der chinesischen Kalligraphin Hsing-Chuen Schmuziger-Chen wird im Dialog mit der Künstlerin auf einige Aspekte ihres Schaffens eingehen. Die Künstlerin wird auch eine Live-Demonstration ihres Könnens zeigen, von der sie immer sagt: „Du hast es trotz jahrelangem Üben nie im Griff. Es gibt keine Sicherheit, dass eine Kalligraphie gelingt. Sie gelingt meistens in Momenten, in welchen du ganz absichtslos wirst und mit dem Augenblick fließt.“

Hsing-Chuen Schmuziger-Chen wurde 1961 in Taiwan geboren. Während ihrer klassisch-chinesischen Schulausbildung zeigte sich ihre Begabung schon sehr früh in prämierten Rezitationen chinesischer Texte, Essays sowie chinesischen Kalligraphien. 1981 kam sie in die Schweiz, um Musik zu studieren. Dem Musikstudium folgte eine Ausbildung in Musiktherapie, wo sie heute hauptsächlich tätig ist.
Über 20 Jahre war Hsing-Chuen Schmuziger-Chen in Zürich als Kursleiterin für chinesische Sprache und Kalligraphie an verschiedenen Institutionen tätig. Von ihrem Lehrer Bojin Shi in Taiwan erhielt sie auch weiterhin Kalligraphie-Unterricht und konnte auf diese Weise ihre Pinselkunst zu einem hohen Niveau weiterentwickeln. In den 90er-Jahren entwickelte Hsing-Chuen Schmuziger-Chen einen eigenen Kalligraphiestil, der sich durch die Kombination verschiedener Schreibstile, den Gebrauch mehrerer Papierlagen und die Einbettung in Bildern und Szenerien auszeichnet.

Ihre szenische Kalligraphiekunst konnte sie in verschiedenen Ausstellungen und Anlässen sowie Buchpublikationen einem breiteren Publikum vorstellen.

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